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Vergessene Väter der Demokratie

Veröffentlicht am 18.11.2018 in Allgemein

Das Kaiserreich wird am 9. November 1918 gestürzt, Deutschland wird eine Republik, und die Demokratie setzt sich als Regierungsform durch. Das werde heute gefeiert, sagte Klaus Schätzle am Freitagabend bei der Eröffnung der Ausstellung "Druck gegen Rechtsruck" im Foyer der Stadthalle.

Philipp Scheidemann hatte die parlamentarische Regierungsform, Karl Liebknecht die sozialistische Räterepublik ausgerufen. Klaus Schätzle recherchierte, wie sich die neuen politischen Verhältnisse im Kreis Rottweil und besonders im Oberamt Sulz auswirkten. Der Titel seines Vortrags lautete: "Die widerwillige Revolution".

Überall in Deutschland regierten ab November 1918 Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte, so auch zwischen Leinstetten und Rosenfeld, Aistaig und Kloster Bernstein. Viele Schriftstücke aus dieser Zeit seien verloren gegangen und die Väter der kommunalen Demokratie in Vergessenheit geraten. Schätzle konnte einige von ihnen dennoch auflisten: In Sulz waren dies Paul Seidel, Ferdinand Roth, Kuhn (Vorname nicht bekannt), Ernst Mutschler, Christian Haag und A. Simen sowie Albert Braun (Holzhausen), Albert Schäfenacker (Wittershausen), Schärer (Wittershausen) und Hans Fahrner (Dornhan).

Schätzle glaubt nicht, dass die Sulzer Arbeiterräte gewaltsam, womöglich mit Gewehren, ins Rathaus eingedrungen sind. Dort saß der Stadtschultheiß Wilhelm Malmsheimer, ein "raffinierter Machtmensch". In den folgenden 15 Monaten habe es eine "Doppelherrschaft" gegeben. Schätzle schränkte dies aber gleich ein. Die Räte saßen zwar im Gemeinderat mit am Tisch: "Dem alten Fuchs Malmsheimer aber ist der Arbeiterrat in keiner Weise gewachsen." Der Stadtschultheiß habe der Minderheit des Arbeiter- und Soldatenrats zudem eine breite Bürgerbeteiligung entgegengesetzt. Dieser konnten, im Gegensatz zu den Räten, auch Frauen angehören. Ob sie aber "viel zu melden" hatten, bezweifelte der Referent.

Für Schätzle wirkte die Revolution in Sulz "unbeholfen". Das führte er darauf zurück, dass die "biederen Sulzer Räte" die bestehenden Machtstrukturen nicht veränderten. So wurden auch Schultheiß und Oberamtmann nicht abgesetzt. Die Sulzer und Oberndorfer Räte organisierten sich in so genannten Bezirkskonferenzen. Wenig kam dabei heraus: Das seien keine Herrschaftsmittel gewesen. Zudem engagierten sie sich, so Schätzle, auf einem Gebiet, wo es nichts zu gewinnen gab – etwa bei der Lebensmittelverteilung. Die Versorgungslage, auch was Wohnungen anging, war nach dem Krieg sehr schwierig.

Die Revolution verlief andernorts erfolgreicher. In Schramberg hätten die Räte den Acht-Stundentag in Industriebetrieben eingeführt, in Rottweil richteten sie ein städtisches Wohnungsamt ein. Von solchen Erfolgen konnten die Oberndorfer und Sulzer eigentlich nur träumen. Sie hatten zum einen mit den wenig effektiven Bezirkskonferenzen einen anderen Weg gewählt. Zum anderen kamen die Sulzer gegen den Schultheißen nicht an. Die Elite mit Malmsheimer und dem damaligen Oberamtmann seien "absolute Reaktionäre" gewesen.

Die Revolution endete in einer parlamentarischen Demokratie, nachdem sich die Räte am 16. Dezember 1918 in Berlin selber abgeschafft hatten: "Sie gaben die Macht an das Volk zurück, in dessen Namen sie gehandelt hatten." Darin sieht Schätzle deren historische Leistung. Die Räte seien überzeugt gewesen, die parlamentarische Demokratie "ist die uns angemessene Regierungsform". Der Redner appellierte am Schluss: "Wir dürfen sie kein zweites Mal enttäuschen."

In den Zusammenhang kann auch die Ausstellung der Kunststudenten gestellt werden. Ihre Werke mahnen vor einem Rechtsruck der Gesellschaft. Sie richten sich gegen Hetze, Fremden- und Frauenfeindlichkeit. Dass sich rechtsradikale Gesinnung heute wieder äußert, sei jedoch nichts Neues, sagte Cordula Güdemann, Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Sie sprach von "geistigen Brandstiftern", die sie nicht zuletzt bei der AfD sah. Sie stellte einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Flüchtlingshetze her. "In einem solchen Land wollen wir nicht leben", betonte die Professorin.

Stephen Dillemuth von der Kunstakademie München erinnerte an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Man brauche nicht zu glauben, dass die heutigen Nazis freundlicher seien. Faschismus dürfe nicht mehr vorkommen, deshalb sei im Hochschulbetrieb auch die "Gruppe gegen rechts" gegründet worden. Mit Malerei, Skulpturen, Film, Texten bis hin zur Fotografie suchten die Kunststudenten unterschiedliche künstlerische Formen.

Bürgermeister Gerd Hieber hatte zuvor ein Grußwort gesprochen. Mit seinem Vortrag habe Klaus Schätzle versucht, eine Lücke in der Stadtgeschichte zu schließen. Das, so Hieber, "haben wir gerne unterstützt."