Würfel fallen bereits vor Bundestagswahl

Veröffentlicht am 07.09.2017 in Allgemein

Nehmen trotz ihrer Parteimitgliedschaften im Spiel andere Farben ein: Daniel Karrais (FDP, von links), Friedemann Baukne

Kreis Rottweil - Verkehrte Welt in der Redaktion: Statt Bundestagswahlkandidaten sitzen Jungparteimitglieder am Tisch, statt einer Podiumsdiskussion steht ein Brettspiel an. Und nicht Dieselautos oder Flüchtlinge sind Themen, sondern Cannabis und Fake-News.

Die Würfel fallen bereits Wochen vor der Bundestagswahl: Vier Jungparteimitglieder sind der Einladung des Schwarzwälder Boten zum Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel gefolgt. Ein Ärgernis ist letztlich nicht das Brettspiel, sondern die Bildungspolitk.

An diesem Abend ist es drückend schwül im Konferenzraum des Schwarzwälder Boten in Rottweil. Die Jungparteimitglieder tragen Jeans oder kurze Hose und dazu ­T-Shirt oder Hemd. Marcel Griesser (CDU), Philipp Fehrenbacher (SPD), Friedemann Bauknecht (Grüne) und Daniel Karrais (FDP) geben sich entspannt. Scherzend wählen die vier jungen Männer ihre Spielfarben aus. Einigkeit herrscht zumindest am Spieltisch und so wird die CDU gelb, die SPD rosa, die Grünen schwarz und die FDP grün. "Nicht dass jetzt schon Koalitionsverhandlungen entstehen", schmunzelt Griesser.

Dann geht es los – das Spiel und auch das Gespräch. "Seid ihr stark in den Vorbereitungen der Bundestagswahl drin, oder ist es bei euch eher gechillt?", fragt FDP-Mitglied Daniel Karrais in die Runde. Er bricht damit das Eis. Die Jungparteimitglieder tauschen sich rege über Wahlkampfstrategien aus, das Spiel läuft locker nebenher.

Erst als es dann um Inhalte geht, um Bildungspolitik, gerät Mensch-Ärgere-Dich-Nicht ins Stocken. "Das Kooperationsverbot muss aufgehoben werden", empört sich Philipp Fehrenbacher von der SPD. Es könne nicht sein, dass Schüler bundesweit unter verschiedenen Voraussetzungen zum Abitur antreten. Marcel Griesser von der CDU hält dagegen, das Verbot sei doch bereits gelockert. "Ich halte davon nichts", sagt er, würfelt und schmeißt mit seinem gelben Männchen eine Figur Friedemann Bauknechts von den Grünen raus.

Dann ist Karrais am Zug – im Spiel und auch im Gespräch. Er pflichtet Fehrenbacher bei: "Das jetzige Bildungssystem ist nicht haltbar." Er kritisiert weiter, dass die CDU in Baden-Württemberg den von Grüne, SPD und FDP vorgeschlagenen Schulfrieden nicht mitgemacht hat.

Indes hat Bauknecht die Würfel in der Hand. "Endlich darf ich auch mal", freut er sich und befördert Karrais’ Figur direkt vom Spielbrett. Er meint: "Das Problem ist doch, dass Bildung Ländersache ist." Den Kommunen stünde zu wenig Geld bereit, um die Schulen zu sanieren.

So eifrig der Würfel weitergereicht wird, so fließend gehen die Themen ineinander über. Dazu, ob Betreiber von Internetseiten gesetzlich dazu verpflichtet werden sollten, gefälschte Nachrichten zu löschen, meint FDPler Karrais: "Was sind Fake-News? Das ist fast schon eine philosophische Frage." Dann holt er zu einem Plädoyer für die Meinungsfreiheit und gegen staatliche Zensur aus. Diesem wollen die anderen drei nicht wirklich widersprechen. SPDler Fehrenbacher sagt jedoch: "Kinder glauben ungefiltert, was im Internet steht." Das sei gefährlich. Deswegen sei eine neutrale Kommission sinnvoll, die Inhalte bewerte. Bauknecht spricht sich für eine differenzierte Rechtslage aus. Denn wie weit im Internet gegangen werden könne, sei zur Zeit unklar. Das sei das Problem, ergänzt Griesser. "Ein Stück weit Liberalität ja, aber innerhalb gewisser Grenzen", fasst Bauknecht zusammen.

Mittlerweile haben alle ihre erste Figur im Ziel, außer Bauknecht von den Grünen. Beim Thema Cannabis-Verkauf ist er jedoch mit FDP und SPD gleichauf. Alle drei Parteimitglieder sprechen sich für die Legalisierung aus. Karrais meint: "Cannabis ist vom Gefahrenpotenzial weniger oder gleich gefährlich wie Alkohol." Dem stimmt Bauknecht zu. Im Gegensatz zu Karrais sieht er jedoch einen rein industriellen Anbau und Vertrieb der Droge kritisch. Bauknecht befürchte, dass Werbekampagnen den Cannabis-Konsum ankurbeln könnten. Sich gänzlich gegen die Legalisierung spricht sich in der Runde dann nur Griesser aus. Ihm bereite der Gedanke sogar Bauchschmerzen, sagt er.

Auch in der Diskussion um Videoüberwachung im öffentlichen Raum steht der Christdemokrat alleine da. Als Fehrenbacher meint, ihn würden Kameras eher nervös stimmen, entgegnet Griesser: "Das steigert doch das Sicherheitsgefühl." Karrais und Bauknecht sehen das anders. Sie sind der Ansicht, dass Videoüberwachung für die Prävention von Straftaten wenig beitrage. Sie diene höchstens der Aufklärungsarbeit und es sei falsch, erst an diesem Punkt anzusetzen. "Wo zieht man die Grenze zwischen Freiheit und Sicherheit?", fragt Karrais in die Runde. An diesem Punkt kommen die vier Spieler auf den gemeinsamen Nenner: Deutschland brauche mehr Polizisten.

Mit der Zeit werden die Monologe der Jungpolitiker länger, das Würfeln wird häufiger vergessen. Auch wenn sich inhaltliche Differenzen herauskristallisieren, sind sich die Parteimitglieder bei einem Thema einig: "Lieber ­NPD-Wähler als Nichtwähler". Und im Bezug auf populistische Parteien meint Karrais: "Es ist gut, dass sie in manchen Landtagen vertreten sind." Schließlich spiegele dies eine gesellschaftliche Strömung wider. "Es ist ein demokratischer Prozess", stellt Bauknecht klar. Nun liege es an den Parteien, die Wähler verlieren würden, sich zu hinterfragen. Der Freie Demokrat ergänzt: "Unabhängig von der Parteisicht ist es gut, dass Leute anders wählen und sich wieder mehr für Themen interessieren."

Gerade in Bezug auf junge Wähler habe Griesser festgestellt, dass die "Hemmschwelle zu diskutieren" abnehme. An einer Diskussionskultur mitzuwirken, hat die vier jungen Männer auch dazu bewegt, ihren parteipolitischen Weg einzuschlagen. "Ihr könnt auch etwas mitgestalten, man muss es nur wollen", wendet sich Fehrenbacher an junge Menschen.

Erstarkenden Parteien wie der AfD wolle man in einer konstruktiven Diskussion begegnen, da ist sich die Runde einig. "Man muss sich dem politischen Wettbewerb stellen. Man muss diskutieren", sagt Griesser. "Und im Zweifel hat man die besseren Argumente."

Den Siegeswillen hat der junge Mann jedenfalls. Beim Brettspiel allerdings muss er sich gegen seinen SPD-Mitstreiter geschlagen geben. Der hat seine Figuren zuerst im Ziel. Das geht jedoch fast unter – Mensch-Ärgere-Dich-Nicht hat dem Wahlkampf Platz gemacht. "Wenn die Wahl läuft wie das Spiel, wäre ich zufrieden", sagt Fehrenbacher augenzwinkernd.

Zu dem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel wurden auch Linke und AfD eingeladen, diese haben den Termin jedoch nicht wahrgenommen.

 

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